Mind the App!

Cover Mind the AppZugegeben: Auf den ersten Blick scheint es ein derber Anachronismus zu sein. Ein Buch – so richtig traditionell, in Print –  stellt eine große Anzahl an Web 2.0-Tools im Kontext des Fremdsprachenunterrichts vor. Das scheint aus mehreren Gründen absurd zu sein: Die sich ständig im Fluss befindliche kunterbunte Welt von Webtools zwischen statische Buchdeckel zu pressen ist zunächst ein Widerspruch in sich selbst. Viel zu schnell verschwinden bewährte Tools und erscheinen neue; auch die Darbietungsweise eines Buchs scheint dem Gegenstand nicht wirklich zu entsprechen. Die nötigen Infos sind doch bei Interesse sicher besser im Netz zu finden, dafür gibt es doch eine ganze Anzahl bewährter Blogs, Portale und Communities.  Hinzu kommt, dass das Feld abgegrast erscheint – in manchen Kreisen zumal deutscher Netzaktivisten ist es schon langsam anrüchig geworden, immer noch von Web 2.0 zu sprechen…

Was also sollte den interessierten Fremdsprachenlehrer bewegen, das Buch dennoch zur Kenntnis zu nehmen, vielleicht sogar zu kaufen? Stutzig macht zunächst der Name des Verfassers: Thomas Strasser hat sich durch Veröffentlichungen, Konferenzbeiträge und Partizipation an entsprechenden Onlinecommunities einen Namen als aktiver Kenner netzunterstützter Szenarien im Fremdsprachenunterricht gemacht. Anzunehmen also, dass er sich des vermeintlichen Anachronismus’ bewusst war und ist. Neugierig geworden auf das Buch bin ich nicht zuletzt durch ein Skype-Interview zu meinen Unterrichtserfahrungen auf diesem Gebiet, das Thomas Strasser im Vorfeld des Buches mit mir führte.

Wie also präsentiert sich das Buch?  Ein nicht zu unterschätzender Vorteil im Vergleich zu den oben erwähnten Onlinequellen ist die sehr stringente Struktur der Darstellung. Zunächst werden die Tools einzelnen Kapiteln zugewiesen: Teacher Tools, Visualisation, Collaboration, Audio, Writing. Das ist sicher nicht die einzig denkbare Klassifizierung, aber eine sehr an der Unterrichtspraxis orientierte und praktikable.
Die klare Strukturierung setzt sich fort bei der Besprechung der einzelnen Tools: In einem stets wiederkehrenden Raster werden zunächst Angaben gemacht zu application, similar applications, focus, level, age, time, ICT skills, equipment und preparation (Dieses Raster gibt es für alle Tools zusammenfassend noch einmal im Anhang des Buchs). Damit ist eine erste Orientierung sehr einfach möglich. Gefolgt wird dieses Raster von einer Art Bedienungsanleitung (mit Screenshots visualisiert). Oft sehr anregend ist der jeweils nächste Abschnitt “in class“. In diesem Abschnitt werden Unterrichtsszenarien vorgestellt, die mit dem jeweiligen Tool umsetzbar sind, jeweils strukturiert in Aktivitäten zu  lead-in, online, variations, follow-up.

Auf diese Weise werden fast 40 Tools vorgestellt, die auch als stellvertretend für ganze Anwendungsklassen gesehen werden können – so zB Capzles als Beispiel für andere Timeline-Visualisierungen. Selbst für erfahrenere Leser, die eine ganze Anzahl der Werkzeuge vielleicht schon kennen oder im Unterricht verwendet haben, gibt es Nachahmenswertes zu entdecken. Ich werd zum Beispiel ganz sicher einmal Tripline verwenden: Ähnliches haben meine Schüler schon einmal mit GoogleMaps umgesetzt, aber Tripline scheint leichter zu bedienen und besser strukturiert.

Eine sicher gern genutzte Ergänzung zum statischen Medium Buch ist die begleitende Website: Dort gibt es die “Bedienungsanleitungen” noch einmal als Videotutorials und eine Sammlung an weiterführenden Ressourcen. Sicher wünschenswert wäre eine längerfristige Begleitung des Buches durch entsprechende Updates und Ergänzungen auf der Website, damit könnte zumindest teilweise der eingangs angerissene Widerspruch aufgelöst werden. Genauso wünschenswert wäre ein Vertrieb als e-book – eigentlich gerade bei diesem Thema naheliegend…

Aus meiner Sicht hat das Buch also trotz aller angedeuteten Begrenzungen und Widersprüche durchaus großes Potenzial: Es vermag einerseits dem  Lehrer oder Referendar zu helfen, der seine ersten Gehversuche auf dem Gebiet macht und Orientierung sowie unterrichtspraktische Hinweise sucht – hier kann das Buch eine Art Brückenbauer sein. Andererseits finden auch erfahrenere und durchaus netzaffine Lehrpersonen Anregungen und Ideen. Bei eigenen Fortbildungen werde ich das Buch ganz sicher als eine wesentliche Quelle empfehlen!

Für meine Kollegen aus der Umgebung: Am 6. Juni wird Thomas Strasser am Lehrstuhl für Englische Fachdidaktik der FSU Jena eine 3-stündige Fortbildung zu Apps im Fremdsprachunterricht durchführen, eine Teilnahme ist möglich und sehr erwünscht!

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